Frauen am Spieltisch: Wie es sich wirklich anfühlt – und was sich endlich ändern muss

Ich habe 2023 schon einmal über Sexismus im Pen & Paper Rollenspiel geschrieben. Sachlich, mit Definitionen, mit Studien. Das hatte seinen Platz. Aber heute möchte ich anders schreiben: persönlicher, direkter, aus dem, was ich wirklich erlebt habe. Weil Zahlen das eine sind – und das Gefühl, das andere.

Mal wieder die einzige Frau am Tisch

Es ist kein seltener Zustand für mich. Ich bin oft die einzige Frau in einer Runde. Manchmal stört mich das gar nicht, manchmal fällt es mir erst im Nachhinein auf. Und manchmal – da sitzt es.

Eine Runde bleibt mir besonders in Erinnerung. Ein Spieler, den ich heute als narzisstisch beschreiben würde, war immer wieder grenzwertig unterwegs. Wir befanden uns in einem Gewölbe: dunkel, feucht, eng, ein Gang so schmal, dass man nur hintereinander laufen konnte. Mein Charakter ging voran – er konnt als einziger den Geist des Mädchens sehen, das uns durch das Labyrinth führen sollte.

Die anderen folgten. Theoretisch.

Praktisch standen sie noch auf der Treppe und unterhielten sich darüber, wie sie die „Rundungen” der anderen erkundeten. Zunächst versehentlich, dann mit Absicht. „Willst du mal bei mir fühlen?” Das zog sich. Fast die gesamte Runde lang.

Ich spielte das Abenteuer gefühlt alleine. Und ich war genervt – nicht weil ich überempfindlich bin, sondern weil es einfach zu viel war. Zu lang, zu explizit, zu ungestoppt. Der Spielleiter griff nicht ein. Er beobachtete die Szene eher belustigt.

Was mich im Nachhinein noch mehr geärgert hat: Alle bekamen am Ende gleich viele Erfahrungspunkte.

Was Studien sagen – und was ich schon wusste

Dass meine Erfahrung keine Ausnahme ist, zeigt sich überall dort, wo Frauen unter sich reden. In einer Rollenspielerinnen-Gruppe auf Facebook – gegründet, damit Frauen sich in Ruhe austauschen können, ohne dass jemand aggressiv oder übergriffig wird – hatte ich dieses Erlebnis beschrieben. Fast jede kannte das. Jede hatte ihre eigene Version davon.

Dass das kein Zufall ist, bestätigt auch die Forschung: Die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführte Pilotstudie „Sexismus im Alltag” zeigt, dass Sexismus als alltägliches, massenhaftes Phänomen wahrgenommen wird – nicht als seltene Ausnahme. Was am Spieltisch passiert, ist kein Rollenspiel-Problem. Es ist ein Gesellschaftsproblem, das sich am Spieltisch spiegelt.

Interessant übrigens: Allein die Gründung dieser Frauen-Gruppe löste einen Shitstorm aus. Männer, die sich ausgeschlossen fühlten. Von einer Gruppe, die gar nicht gegen sie gerichtet war – sondern einfach einen Raum schaffen wollte, in dem Frauen sich ohne Erklärungszwang austauschen können. Dass diese Reaktion selbst schon etwas aussagt, muss ich wohl nicht weiter ausführen.

Was sich verändert hat – zum Glück

Die zweite Geschichte hat ein anderes Ende. Neuer Spieler, ähnliche Muster: Seine weibliche Figur wollte alles auf erotische Art lösen, das entsprechende Wording ließ er konsequent in jede Szene einfließen. Aber diesmal hatte der Spielleiter dazugelernt. Er nahm den Spieler zur Seite. Danach war es besser.

Das klingt nach wenig. Aber es ist der Unterschied zwischen einer Runde, die ich abbreche, und einer, die ich weiterführe.

Heute spielen wir oft mit X-Cards. Das Prinzip ist simpel: Eine Karte liegt auf dem Tisch. Wer sie antippt, signalisiert: Diese Szene muss aufhören. Keine Erklärung, keine Diskussion, kein Rechtfertigen. Einfach weiter. Es klingt nach einer Kleinigkeit – aber es verändert die Atmosphäre am Tisch fundamental. Wer weiß, dass er jederzeit stoppen kann, spielt entspannter. Und wer weiß, dass andere das auch können, denkt vielleicht zweimal nach, bevor er eine Szene in eine Richtung treibt, die niemanden außer ihm selbst amüsiert.

In der Facebook-Gruppe gingen die Meinungen übrigens auseinander, was die richtige Reaktion auf solche Situationen ist. Einige sagten, sie würden heute wortlos aufstehen und gehen. Andere spielen ihre Charaktere selbst bewusst sexuell und finden nichts dabei – und das ist auch ihr gutes Recht. Der Punkt, auf den sich alle einigen konnten: Es muss für alle okay sein. Wenn eine Person am Tisch nicht mehr mitspielt, hat das Spiel sein Ziel verfehlt.

Die leisere Form – und warum sie mich gerade mehr beschäftigt

Sexismus am Spieltisch ist nicht immer laut. Manchmal ist er leise. So leise, dass man sich fragt, ob man sich das einbildet.

In meiner aktuellen Runde leitet eine Frau – und ich bin trotzdem mal wieder die einzige Spielerin. Der grobe Sexismus ist kein Thema. Aber das Übergangen-Werden schon. Mein Charakter macht Vorschläge. Sie werden nicht gehört. Ein paar Spielzüge später macht ein anderer Charakter denselben Vorschlag – und er wird begeistert aufgenommen.

Kenne ich. Aus dem richtigen Leben auch.

Ich weiß nicht, ob es böse Absicht ist. Ich glaube es nicht mal. Aber das macht es nicht weniger ermüdend. Es ist dieses leise Gefühl, nicht ganz dazuzuzählen – nicht weil jemand etwas Schlimmes tut, sondern weil niemand aktiv dafür sorgt, dass alle wirklich gehört werden.

Es ist einer der Gründe, warum ich überlege, diese Runde zu pausieren. Zumindest, bis jemand ein neues System leitet.

Was ich mir wünsche – für alle, die gerade eine Runde zusammenstellen

Niemand muss perfekt spielleiten. Aber ein paar Dinge machen einen riesigen Unterschied:

  • Eingreifen, wenn es nötig ist. Nicht belustigt zuschauen. Nicht warten, bis jemand ärgerlich aufsteht. Ein kurzes „Hey, lass uns das in eine andere Richtung lenken” reicht oft.
  • Nutze Sicherheitsmechanismen. Eine X-Card kostet nichts und verändert alles. Es gibt noch mehr solcher Werkzeuge – ein Überblick dazu findet sich hier.
  • Stell sicher, dass alle gehört werden. Nicht nur die lautesten Stimmen am Tisch. Nicht nur die, die sich am schnellsten melden. Manchmal reicht ein „Was möchte dein Charakter tun?” direkt in die Runde.
  • Erfahrungspunkte sind auch eine Aussage. Wer die ganze Runde lang nichts zum Abenteuer beigetragen hat – weil er auf der Treppe stand und Unsinn gespielt hat – sollte das nicht gleich vergütet bekommen wie jemand, der das Abenteuer alleine getragen hat. Punkt. (Ich weiß das dieses auch ein strittiges Thema ist, über das nicht einmal Ron und ich uns einige sind.)

Es wird besser. Langsam.

Ich möchte nicht so klingen, als wäre alles schlimm. Das stimmt nicht. Ich habe wunderbare Runden erlebt, mit Menschen, die aufeinander achten, die lachen, die mutig scheitern und trotzdem weiterspielen. Ron und ich haben am Tisch Momente erlebt, die ich nicht gegen irgendetwas eintauschen würde.

Aber ich wäre nicht ehrlich, wenn ich so täte, als wären die anderen Momente nicht passiert. Sie sind passiert. Sie passieren noch. Und sie passieren fast jeder Frau, die ich kenne, die Pen & Paper spielt.

Das Gute ist: Die Community redet darüber. Lauter als früher. Und immer mehr Spielleitungen verstehen, dass ein sicherer Tisch kein weichgespülter Tisch ist – sondern einer, an dem alle wirklich spielen können.

Das ist es, was ich mir wünsche. Nicht weniger Abenteuer. Mehr davon. Nur eben für alle.

Wie ist das bei dir? Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht – oder erlebst du deine Runden ganz anders? Ich freue mich über jeden Kommentar, jede Geschichte. Auch die, die anders klingen als meine. 🎲

Schreibe einen Kommentar